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Scheunenfund Motobecane Mirage 8 - was tun?

wordman_martin

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18 Januar 2020
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Guten Abend,
nach einer verschiedenen unschönen Umständen geschuldeten langen Abwesenheit melde ich mich heute mit einem Scheunenfund zurück. Das Rad gehört seit über 20 Jahren einer Freundin und wurde die letzten 14 Jahre sicher nicht mehr gefahren. Es staubte in Scheune und Keller vor sich hin. Der Zustand ist entsprechend bemitleidenswert. Die Lager drehen noch, aber Schaltung und Bremsen sind fest. Der Lack ist matt und hat viele kleine Schäden. Die linke Sattelstrebe ist Richtung Hinterrad eingedrückt.

Ansonsten ist das Rad wohl weitgehend original, einschl. der Helicomatic-Nabe mit Sachs Rival-Schaltwerk und den Weinmann-Bremsen. Was wohl nicht passt, ist der Schalthebel "Commander" und das Einfach-Kettenblatt. Das Schaltwerk wird bei "Disraeli Gears" eingeordnet um das Baujahr 1987, das passt zur kurzen Helicomatic-Phase.

Das Rad hat eine interessante Geschichte: Die Freundin bekam es während des Studiums in Rostock von ihrem damaligen Partner geschenkt, der hatte es von einem Kollegen, der in einer karitativen Fahrradwerkstatt aushalf. Mehr war nicht bekannt. Auf dem Rahmen klebt allerdings ein Händler-Aufkleber, und siehe da, den Händler in der Nähe von Frankfurt/Oder gibt's noch, also rief ich an, und der freundliche Herr war gleich am Apparat und hatte auch noch Zeit. Nach einiger Weile und ein paar Fotos konnte er sich wieder an das Rad und dessen Geschichte erinnern. Es war 1990, und der damals noch junge Mann begann, ein Fahrradgeschäft aufzubauen. Um zu lernen, wie das im "Kapitalismus" geht, absolvierte ein zweiwöchiges Praktikum bei einem Fahrradhändler Nemtschevsky (oder so ähnlich) in Berlin in der Mommsenstraße. Von dort holte er sich für sein Geschäft irgendwann einen Anhänger voll Fahrräder, darunter das Motobecane. Dieses verkaufte er dann im Sommer 1991 an eine junge Frau für immerhin 840 DM - das muss damals sehr viel Geld gewesen sein für ein Fahrrad. Weil der Händler ein sehr akribischer Mensch ist, hatte er stets gründlich Buch geführt und nie etwas weggeschmissen. Wir erzählten eine dreiviertel Stunde. Fahrradgeschichten, Wendegeschichten. Er versprach, in seinen Unterlagen nach einem Hinweis auf das Rad zu suchen. Nach einer halben Stunde erhielt ich eine Mail mit Kopie der Originalrechnung von 1991! Der Händler hat noch Kontakt zu einer Freundin seiner ehemaligen Kundin und wird sie kontaktieren, um die weitere Geschichte zu rekonstruieren. Es könnte sein, dass die Kundin die Schwester des damaligen Mitarbeiters der karitativen Fahrradwerkstatt ist, die Nachnamen sind gleich, wie die jetzige Besitzerin sich erinnert.

Wir wissen jetzt nur nicht so richtig, was mit dem Rad machen. Fahrbar ist es nicht, und ob sich die Sattelstrebe rückformen lässt, weiß ich nicht. Da müsste man also viel Liebe und auch Geld investieren. Andererseits hat das Rad auch eine emotionale Bedeutung. Ich überlege, es für die Freundin alltagstauglich herzurichten - wie auch immer sich das dann darstellt.

Ich finde die Geschichte des Rades interessant und wollte sie deshalb gern mit euch teilen. Vielleicht habt ihr Ideen, Vorschläge oder Meinungen dazu?

Herzliche Grüße
Martin
 

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Hilfreichster Beitrag geschrieben von Knobi

Hilfreich
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Ich habe schon einige heftig vergammelte Räder wieder hergerichtet oder zumindest die Rahmen irgendwie weiterverwendet, aber dieses würde ich wohl wegschmeißen, komplett so, wie es ist.
Außer dem Vorbau ist da kein gutes Teil dran und obendrein funktioniert das meiste davon nicht mehr, wie Du schreibst. Der Rahmen ist auch nichts besonderes, zwar typisch für diese Motobecane-Generation recht hübsch, aber eben auch recht verbogen.

Das soll jetzt nicht respektlos wirken, aber Du findest bestimmt eine bessere, grundsätzlich noch funktionierende Basis für weniger Geld, als die Wiederherstellung dieses Geräts kosten würde.
"Viel Geld für ein Fahrrad" waren Ende der 80er Jahre etwa 3000-4000 Mark (um den Dreh lagen viele Profi-Rennräder); alles unter Tausend war damals schon unter(st)e Mittelklasse.

Wenn die Freundin es so gefahren hat, wie es auf den Fotos zu sehen ist, war es ihr sowieso ein gutes Stück zu groß: Kürzerer Vorbau nachträglich montiert, Vorbau und Sattelstütze ganz reingeschoben. Damit sollte man sie nicht weiter quälen, sondern einen Rahmen suchen, der gern 4-5 cm niedriger und im Vorderteil 2-3 cm kürzer ist.
 
Ich habe in dieser Zeit mal in den Ferien in einem Radladen gearbeitet. Die meisten Räder, die wir da verkauft haben, waren unter 600 EUR, meistens billige indische Räder, die nach dem Auspacken erstmal ordentlich eingestellt werden mussten, einschl. Rahmen oder Kettenblätter richten. Ein Genuss hingegen waren die Winoras mit Nabenschaltung, die leider zu teuer für die meisten Kunden waren. Auspacken, Lenker gerade, Pedale anschrauben, Luft aufpumpen - fertich.
Rennräder durften auch mal etwas teurer sein, aber die waren in meiner bergigen Gegend fast unverkäuflich. 800 Mark für ein Neurad war damals bei uns ein normaler Preis für ein normales Rad. Was anderes hast du in den Läden auch nicht bekommen. Wer was Besseres wollte, musste bei Brügelmann bestellen, denn die meisten Läden waren traditionell auf Einfachräder und Mopeds (später auch Rasenmäher) ausgerichtet.
 
Guten Abend,
nach einer verschiedenen unschönen Umständen geschuldeten langen Abwesenheit melde ich mich heute mit einem Scheunenfund zurück. Das Rad gehört seit über 20 Jahren einer Freundin und wurde die letzten 14 Jahre sicher nicht mehr gefahren. Es staubte in Scheune und Keller vor sich hin. Der Zustand ist entsprechend bemitleidenswert. Die Lager drehen noch, aber Schaltung und Bremsen sind fest. Der Lack ist matt und hat viele kleine Schäden. Die linke Sattelstrebe ist Richtung Hinterrad eingedrückt.

Ansonsten ist das Rad wohl weitgehend original, einschl. der Helicomatic-Nabe mit Sachs Rival-Schaltwerk und den Weinmann-Bremsen. Was wohl nicht passt, ist der Schalthebel "Commander" und das Einfach-Kettenblatt. Das Schaltwerk wird bei "Disraeli Gears" eingeordnet um das Baujahr 1987, das passt zur kurzen Helicomatic-Phase.

Das Rad hat eine interessante Geschichte: Die Freundin bekam es während des Studiums in Rostock von ihrem damaligen Partner geschenkt, der hatte es von einem Kollegen, der in einer karitativen Fahrradwerkstatt aushalf. Mehr war nicht bekannt. Auf dem Rahmen klebt allerdings ein Händler-Aufkleber, und siehe da, den Händler in der Nähe von Frankfurt/Oder gibt's noch, also rief ich an, und der freundliche Herr war gleich am Apparat und hatte auch noch Zeit. Nach einiger Weile und ein paar Fotos konnte er sich wieder an das Rad und dessen Geschichte erinnern. Es war 1990, und der damals noch junge Mann begann, ein Fahrradgeschäft aufzubauen. Um zu lernen, wie das im "Kapitalismus" geht, absolvierte ein zweiwöchiges Praktikum bei einem Fahrradhändler Nemtschevsky (oder so ähnlich) in Berlin in der Mommsenstraße. Von dort holte er sich für sein Geschäft irgendwann einen Anhänger voll Fahrräder, darunter das Motobecane. Dieses verkaufte er dann im Sommer 1991 an eine junge Frau für immerhin 840 DM - das muss damals sehr viel Geld gewesen sein für ein Fahrrad. Weil der Händler ein sehr akribischer Mensch ist, hatte er stets gründlich Buch geführt und nie etwas weggeschmissen. Wir erzählten eine dreiviertel Stunde. Fahrradgeschichten, Wendegeschichten. Er versprach, in seinen Unterlagen nach einem Hinweis auf das Rad zu suchen. Nach einer halben Stunde erhielt ich eine Mail mit Kopie der Originalrechnung von 1991! Der Händler hat noch Kontakt zu einer Freundin seiner ehemaligen Kundin und wird sie kontaktieren, um die weitere Geschichte zu rekonstruieren. Es könnte sein, dass die Kundin die Schwester des damaligen Mitarbeiters der karitativen Fahrradwerkstatt ist, die Nachnamen sind gleich, wie die jetzige Besitzerin sich erinnert.

Wir wissen jetzt nur nicht so richtig, was mit dem Rad machen. Fahrbar ist es nicht, und ob sich die Sattelstrebe rückformen lässt, weiß ich nicht. Da müsste man also viel Liebe und auch Geld investieren. Andererseits hat das Rad auch eine emotionale Bedeutung. Ich überlege, es für die Freundin alltagstauglich herzurichten - wie auch immer sich das dann darstellt.

Ich finde die Geschichte des Rades interessant und wollte sie deshalb gern mit euch teilen. Vielleicht habt ihr Ideen, Vorschläge oder Meinungen dazu?

Herzliche Grüße
Martin
Das Rad ist sehr groß, da sollte die Freundin schon über 1,80m sein (schätze ich)
Das Rad hat nur noch Materialwert, mach ein paar schöne Fotos und dann Servus
So emotional kann die Verbindung ja nicht gewesen sein, wenn es so verrottet ist.
Viel Spaß trotzdem
 
Wenn die Kettenstrebe schadenfrei gerichtet werden kann (sonst weg damit) und alle anderen Teile mit Fleiß, Fett und Poliermittel wieder alltagstauglich gemacht werden können, ohne viel Geld reinzustecken.
Und vor allem, es dir wegen der Story die Mühe wert ist.
Why not?

An Bahnhöfen sehe ich oft schlimmeres.
 
Rennräder durften auch mal etwas teurer sein, aber die waren in meiner bergigen Gegend fast unverkäuflich. 800 Mark für ein Neurad war damals bei uns ein normaler Preis für ein normales Rad. Was anderes hast du in den Läden auch nicht bekommen. Wer was Besseres wollte, musste bei Brügelmann bestellen, denn die meisten Läden waren traditionell auf Einfachräder und Mopeds (später auch Rasenmäher) ausgerichtet.

Hmm. Da gab es regional wohl deutliche Unterschiede. Um 1987, in einer nordhessischen Kleinstadt mit einem einzigen, nicht mal sonderlich guten Radladen gab es regelmäßig Rennräder über tausend Mark zu sehen, die auch verkauft wurden, z.B. an uns Schüler (das war in den Jahren hier echt ein Trend anstelle Mofas, für so ein Rad haben wir in der Regel mehrere Schulferien lang gejobbt). Ein Hercules Ajaccio oder Bianchi Specialissima kannte ich auch aus diesem Laden, bevor sie mir in einem Prospekt begegnet sind; das mag an der Nähe zum Radsport beim Sohn und einigen Freunden des Besitzers gelegen haben. In der nächsten größeren Stadt gab (und gibt) es dann schon einen richtig echten Rennradladen mit eigener Rahmenmarke, wo es damals erst gar keine Komplettangebote gab und man sich sein Rad selbst zusammenstellen musste. Unter tausend hätte der kein Rad verkauft, dafür aber richtig teures Zeug gern mal mit erstaunlich geringer Marge. Rahmen Gios Professional, weil er weiß statt blau war, 360 Mark. Ist ja auch schlimm, sowas :D
 
Vielen Dank für eure Meinungen, das hilft beim Einordnen und Entscheiden. Ob die Geschichte so viel Arbeit wert ist, muss die Freundin entscheiden, die Rahmengröße mag auch nicht passen. Das spricht dagegen. Mit gleich viel Aufwand kann ich einen besseren und passenden Rahmen aufbauen. Also eher Tonne.
Trotzdem war's gut, gefragt zu haben - von wegen "hättest du was gesagt...".
Noch zum "hohen" Preis - den sehe vor dem Hintergrund der Zeit: ein Jahr nach Einführung der D-Mark waren 840 Mark für eine mutmaßlich sehr junge Frau im Osten wohl schon eine Hausnummer.

Danke euch nochmals!

Herzliche Grüße
Martin
 
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