Das hat aber nichts mit Carbon als Werkstoff zu tun, sondern mit mangelhafter Verarbeitung.
Richtig. Ich bin nicht sicher, ob du mir in meiner grundlegenden Absicht zustimmst oder meine Ausführung relativieren willst, aber zumindest in diesem Punkt sind wir d'accod
Ich denke aber, und das mag man auch anders sehen, dass Carbon eine anspruchsvollere Herstellung und Verarbeitung hat als Metalle und Fehler so gesehen wahrscheinlicher macht. Ich kann mir vorstellen, dass chinesische Carbonfirmen ihre Arbeiter unter großen Zeitdruck setzen, lange Arbeitszeiten fordern und miese Bezahlung und sonstige Bedingungen bieten. Das, gepaart mit der existentiellen wirtschaftlichen Not der Arbeiter in China und zunehmend auch hier, führt vielleicht dazu, dass Carbonteile mit eingebauten (kleinen, nicht katastrophalen) Macken nicht selten sind.
Im Prinzip ist es bei auf Werkstoff-Kante konstruierten Rahmen (oder anderen Gegenständen) egal woraus die sind - bei punktuellen Spitzenbelastungen, welche über die elastischen Grenzen des Materials gehen, werden die einen Schaden davon tragen. Ich glaube, dass ein Aluminiumrahmen mit ca. 1000 gr. genauso "empfindlich" ist, wie ein 700 - 800 gr Carbonrahmen.
Da bin ich ganz bei dir. Ich persönlich glaube aber, dass in der Praxis Spitzenbelastungen über der Festigkeitsgrenze keine häufige Ursache für Materialversagen darstellen. Selbst die leichtesten Rahmen sind fest genug für alles, was beim rennradfahren passieren kann, inkl. der gewöhnlichen Schlaglöcher, Bordsteinkanten usw. Ich sehe ein Problem bei Leichtbauteilen hinsichtlich der Materialermüdung durch ständig wiederkehrende, submaximale Belastungen. Das, zusammen mit evtl. eingebauten Macken vom billg entlohnten Herstellungsweg, führt am ehesten zum Materialversagen. Ein 1200g-Carbonrahmen hat soviel strukturelle Masse, dass es nichts ausmacht, wenn 10% davon von Anfang an kaputt sind und weitere 10% nach und nach kaputt gehen. Bei einem 700g-Rahmen sehe ich wenig Spielraum für Herstellungsfehler und Materialermüdung. Das Ding ist von Beginn an nah am Limit.
Ich will nochmal betonen, dass ich kein Carbonfeind bin. Mich ärgert nur die Carboneuphorie und das Marketingverhalten der Verkäufer - und ich argumentiere gerne dagegen an, bin halt ein emotionaler, passionierter Mensch. Metalle könnte man auch schlechtreden bis die Sonne aufgeht, aber das ist ja garnicht nötig, da 97% der Rennradfahrer einen exklusiven Carbonfetisch haben
Carbon und ähnliche Compositmaterialien sind eindeutig die Zukunft, und das ist auch gut so. Mich stört die konkrete Anwendung im Fahrradbereich, speziell diese irrationale Leichtbauerei. Im Fahrzeug- und Flugzeugbau handhabt man Carbon ja ganz anders als bei uns Rennradlern. Im Bau von Beinprothesen aus Carbon, mit dem ich mich ganz gut auskenne, sind Sicherheitsaspekte absolut primär.
Bei uns hingegen geht es um Gewicht, geiles Aussehen, evtl. überzogene Steifigkeitswerte, und natürlich Gewicht. Rahmen unter 800g sind bald Standard, aber es gibt inzwischen auch immer mehr Rahmen unter 700g. Gabeln unter 300g sind an besseren Rädern schon länger standard. Sattelstützen unter 150g sind im kommen... Das ist alles absurd, Leute! Hier werden überlebenskritische Teile an die absolute Grenze des technisch möglichen runteroptimiert! Und das macht noch nichtmal irgendeinen Sinn, außer fürs Marketing! Die Geschwindigkeitsvorteile eines sub-800g-Rahmens gegenüber einem 1000g-Rahmen sind so gering, dass man sie nicht zuverlässig messen kann, auch nicht am Berg. Aber gerade diese 200g Differenz ist wichtig als struktuelle Reserve. Selbst für den absoluten Spitzensport (Tour de France und Co.) machen die Entwicklungen der letzten Jahre keinen Sinn mehr. Zumal Rennfahrer allgemein klug handeln und lieber robustes, zuverlässiges Material fahren. Die Zielgruppe für Leichtbaurahmen sind eher naive Amateursportler, die in den Foren und Konsumzeitschriften mit Leichtbau hirngewaschen wurden und glauben, dass das Material schon OK sein wird, sonst würden die Hersteller es nicht verkaufen.
Ich finde es auch unverantwortlich, sprich unmoralisch, dass die Fahrradindustrie Teile ohne strukturelle Reserven (für Materialermüdung, Alterung, Stürzte, etc.) routinemäßig an Breitensportler verkauft, und dies auch noch als Vorteil auslegt, ohne deutliche Warnungen bezüglich der Sicherheit und Haltbarkeit auszusprechen. Die Zeitschriften spielen fröhlich mit und werten in ihren Tests überdurchschnittlich "schwere" Rahmen, also alles über 900g, im Text oft deutlich rauslesbar ab, erwähnen aber selten Aspekte der Sicherheit und Haltbarkeit.
Es wäre total einfach für einen einzelnen Underdog-Hersteller, der Specialized, Trek, Cervelo und Co. Marktanteile wegschnappen will, Sicherheits- und Haltbarkeitsaspekte in eine Marketingstrategie zu spinnen und einen neuen Trend auszulösen. Man kann den Kunden offensichtlich mit allem hirnwaschen, warum dann nicht mal mit was gutem? Irgendwann wird es auch so oder so ähnlich kommen müssen, da die Leichtbauerei bald am Ende ist, aber die Teile mit jedem Modelljahr in irgendeiner Kategorie ja "12% besser als das Vorjahresmodell" sein müssen. Wenn die Handschuhe schwerer sind als der Rahmen, geht vielleicht selbst dem gläubigsten Kunden ein Lichtlein auf.
Okay, puh, genug der Tiraden. Jetzt ist der Kopf wieder frei. Danke, dass ihr mich höflich aushaltet
Edit: Mit Verlaub, aber Carbon an Hand der Alterung von Plombenmaterialien im Mund zu beurteilen ist Schwachsinn.
Das wollte ich eigentlich garnicht. Ich wollte, quasi als Gedankenanstoß, eine Analogie zwischen Carbon und anderen Verbundwerkstoffen aufzeigen. Wobei diese Diskussion wohl eher akademische Haarspalterei ist, das gebe ich zu.
Erstens bezweifele ich, dass die Harze, welche für Carbonfaserummantelung genommen werden, chemisch mit den für Plomben eingesetzten Harzen überhaupt gleich sind. Zweitens erfahren Rennräder gar nicht die Belastung durch ein ständiges Chemikalienbad wie es im Mund der Fall ist.
Die Entwicklung von Compositmaterialien in der Zahnmedizin ist meiner Meinung nach weiter fortgeschritten als die der Carbonmaterialien im Fahrradbereich, und sie ist stärker im wissenschaftlichen und weniger im kommerziellen Bereich angesiedelt. Und die mechanischen Belastungen auf Füllungen beim kauen sind, meiner intuitiven Schätzung nach, vielleicht sogar größer als die Belastungen auf Rahmen beim rennradfahren. Zumindest können die Kaumuskeln Kräfte aufbauen, die einem Vielfachen des Körpergewichts entsprechen, und da Füllungen sehr klein sind (geringe Fläche haben), müssen sie extreme Drücke (Kraft pro Fläche) aushalten. Aber egal, lass uns nicht weiter drauf rumkauen - 2 Euro in die Flachwitzkasse. Diese Diskussion ist wirklich akademisch.
Habe seit gestern einen 1100g Carbonhobel, neben Stahl und Alu, in meinem Fundus. Jetzt redet mir das nicht schlecht
Ein Carbonrahmen mit 1100g ist zumindest von der Masse her ganz hervorragend mit strukturellen Reserven ausgestattet. Insofern eher Gratulation als schlechtreden

Alles zwischen ca. 1000 und 1200g ist im guten Bereich. Mehr ist unnötig, weniger wird langsam brenzlig. Ein Gewicht von 1100g ist, wenn Design und Verarbeitung zumindest durchschnittlich sind, ein Hinweis auf langjährigen, sicheren Fahrspaß. Und du kannst mit Serienteilen immernoch das UCI-Limit von 6,8kg erreichen. Ich mein ich weiß ja wie das ist, man freut sich natürlich, wenn das Radl schön leicht ist! Muss halt nur im Rahmen des gesunden Menschenverstandes liegen.
Nachdem ich 2 sehr leichte Alu-Maß-Rahmen zu Schrott gefahren habe. Habe ich mich für einen Carbonrahmen-Maßrahmen entschieden, der im Tube-to-Tube-Verfahren gebaut wurde. Und zwar aus diesem Grund:
[...]
Das ist so ungefähr das Konzept von Colnagos C60, nicht wahr? Finde ich sehr sinnvoll. Hätte ich das Geld, würde ich wohl ähnlich handeln wie du. Und wie du schon andeutest ist Alu für Leichtbau viel weniger geeignet als Carbon. Ein sehr leichter Alurahmen ist brandgefährlich, der schreit förmlich nach katastrophalem Materialversagen. Ein sehr leichter Carbonrahmen ist riskant, aber katastrophales Materialversagen ist zumindest noch die Ausnahme, nicht die Regel. Wie sind denn deine beiden Alurahmen kaputtgegangen? Ich bin neugierig
