Wie durch eine Art verwunschenes Tor begann der Naturpark
und war es in der schwäbischen Alb noch wellig und schweißtreibend von den Anstiegen her, so leicht und easy fuhren sich auf einmal die österreichischen Anstiege. Keine Ahnung, ob es an dem einen Speckwürfelchen gelegen hat oder an den würzigen Kräutern, aber die Steigungen mit 5-8% gingen lockerflockig im Wiegetritt und ca. 20 km/h hinauf, immer weiter rauf in einen wahnsinnigen Sonnenuntergang. Leider habe ich davon kaum Bilder gemacht, aber es war schon sehr eindrucksvoll, die mächtigen Berge, die Natur und man selber als kleines temporäres Etwas, ein Wimpernzucken auf der Zeitskala der Erde, während dich die Grillen mit ihrem trockenen Lied in die Nacht hineinbegleiten. Noch 130 km bis zur gedachten Schlafmöglichkeit in Pfullendorf. Zuvor müssen noch Oberstaufen, Wangen im Allgäu und Ravensburg passiert werden.
Davon gibt es ebenfalls keine Bilder, denn wir fuhren wieder mal im Ländle, also Schwaben, weolches gesegnet ist mit Anstiegen, Anstiegen und ach ja: Anstiegen.. um 4 Uhr morgens kamen wir, um einen Mitfahrer weniger (John nahm eine schöne kleine Bushaltestelle als Übernachtungsmöglichkeit kurz nach Ravensburg) in Pfullendorf an, 350 km waren im Sack, zusammen mit gut 3500 Höhenmetern.
Nach Besuch der Kontrollstelle, einer Tanke, welche die Klimaanlage so stark aufgedreht hatte, dass wir von enorm aufgehitzt bis halb tiefgefroren kaum 10 Minuten brauchten, machten wir uns auf die Suche nach einer gemütlichen Unterkunft im EC Kartenhotel. Die dritte Bank wurde als akzeptabel auserkoren und kaum 10 Minuten später lagen wir zu dritt schlafbereit auf dem schönen Teppich. Wie gesagt, schlafbereit. Einzig Karim schnarchte nach kurzer Zeit leise vor sich hin, während Roland und ich kein Auge zumachten. Zu sehr waren wir noch in der Strecke gefangen, zuviele Gedanken im Kopf und noch nicht vollends müde genug zum Schlafen. Nach 35 Minuten klingelte der erbarmungslose Wecker und nach kurzem Zusammenpacken konnte es wieder weitergehen.
Und wer kam da ums Eck? John! Ha, was für ein Zufall! Unsere Truppe war wieder beisammen, so konnte es gleich direkt in den ersten 10% Anstieg unmittelbar nach Aufbruch gehen. Balsam für die steifen kalten Muskeln
Vom herrlichen Sonnenaufgang habe ich keine Bilder gemacht, ich hatte schlichtweg keine Lust, mich zu überwinden, mein Handy aus der Trikottasche zu ziehen. Aber er war echt unglaublich. nebel waberte über die Felder, zuerst leicht bläulich, dann immer mehr orange angeleuchtet, bis er schließlich goldgelb dampfend verschwand.
Irgendwie war dann aber bei mir die Motivation flöten gegangen, ich glaube, sie suchte meine gute Laune, doch die waren beide auf einmal weg. Mich machten diese fiesen Spitzen echt fertig. Kaum war ein Anstieg fertig, kam der nächste. Hat es geheißen, nach Pfullendorf wird es etwas leichter, so war dies gar nicht der Fall. Vielleicht hatte ich es auch nur falsch mitgekriegt und bis Pfullendorf war es noch leichter?
Egal. ich fuhr antriebslos weiter, Berg für Berg, ließ Roland und Karim ziehen, die beide zu stark für mich waren, John war wieder hinter uns in seinem Tempo und irgendwann kam der Kontrollpunkt. Eine Tanke mit voll aufgedrehter Klimaanlage. WTF!?!! Zu müde zum Aufregen mit leicht sodbrennendem Magen nahm ich nur einen Kaffee und ruhte mich 40 Minuten aus. Platt und ausgelaugt erschienen auch nach und nach immer wieder andere Mitfahrer, sichtlich geprägt ob der Anstiege. John kam ebenfalls an und ich wartete, bis er wieder soweit war, um mit ihm weiterzufahren.
Doch egal, wie ich mich mühte, es kam kein richtiger runder Tritt auf, es wurde leicht frustrierend.
Wars das jetzt? Echt jetzt? Hier in der Pampa? 85 km bis zur nächsten Kontrolle und sie zogen sich und nahmen kein Ende. Die blöden Berge kosteten Zeit, aber die Strecke wurde kaum weniger. Nach knapp der Hälfte gab ich entnervt auf, am Fuße eines weiteren Anstieges, bedeutete John, er solle alleine weiterfahren und machte eine Rast.
Vom Vorabend hatte ich noch eine volle Pringlespackung, welche ich zur Hälfte aß. Das Sodbrennen wurde wieder stärker, kein Wunder, aber einen blöden Riegel wollte ich auch nicht essen. Bäh. Zucker, ich hasse dich!
Dann fiel mir ein, ich hatte ja noch ein paar Hörspiele auf dem Handy gespeichert, die Kopfhörer waren in der Trikottasche. Ja, genau das brauchte ich jetzt: Ablenkung, keine Gedanken mehr an die Berge, die elendige Kurbelei, sondern Hallo, Herzlich Willkommen Sherlock Holmes, Pater Brown und Miss Marple!
Kopfhörer rein, Welt aus.
So gings auf einmal zackig wie neugeboren weiter und weiter, ich fand meinen Tritt, die Welt war wieder in Ordnung, die Kraft war zurück und mit ihr meine gute Laune.
Und das war bitter nötig, denn nun folgten die 10 Prozenter Schlag auf Schlag. Alle so um die 15 Minuten lang zu fahren mit 8-10 km/h, gute 10 Stück hintereinander.
Am Fuße von einem von ihnen traf ich auf Armin mit seinem Velomobil. Fluchend und entkräftet saß er auf einer Bank und suchte etwas Motivation.
Ich gesellte mich zu ihm, wir quakten kurz, verwünschten gemeinsam die Veranstalter, ob sie einen heimlichen Wettkampf mit ein paar anderen Brevetveranstaltern ausfochten, wer die meisten HM zusammenbrachte?
Aber: vor kurzem habe ich gelesen, dass es ziemlich egal sei, ob man jetzt eine leichte Asphaltblase oder einen Pass vor sich hat. FAhren müsse man sie so oder so, egal, ob man will oder nicht.
Vom Jammern und Wehklagen wird es nicht besser, im gegenteil.
Also, wieder rauf auf den Bock, rein in die Pedale, egal wie langsam du bist. Mit 34/32 und Wiegetritt und wahrscheinlich nur 5 km/h kamen ein paar 15%er zur Abwechslung, auch, wenn man sie auf dem Bild nicht erkennt. Nach der Kurve wurde es zweimal richtig fies.
Doch auch diese fiesen 85 km waren irgendwann geschafft, ich habe kein Zeitgefühl mehr gehabt.
Zwischenzeitlich holte ich Reinhold und Karim wieder ein, Karim hatte Krämpfe und konnte sein Bein nicht mehr bewegen. Ibu hat dann geholfen
Es folgte endlich der Kontrollpunkt, ein Burger King! Salz! Pommes! Whopper! Her damit!
Wir alle saßen glücklich mampfend da und freuten uns wie kleine Kinder, dass wir die Passage gemeistert hatten.
Die nächsten 40 km waren eher anspruchslos mit wenigen Steigungen, dafür aber zur Abwechslung schönen gegenwind. Stimmt, der hatte definitiv noch gefehlt..
Auch diese Etappe war bald Geschichte, auf zur letzten mit 65 km und knapp 600 Hm.
Es ging am schönen Ammersee vorbei
am Wörthsee vorbei zum Anstieg zum Griesberg. 1 Kilometer mit über 10 % nach über 560 Kilometern und ohne Schlaf. Aber oh Wunder: das Ding fuhr sich genial leicht. der Tritt war rund und kräftig, was war da auf einmal los? Waren es die Endorphine, die mich die letzten 50 km wie beflügelt fahren ließen?
Ich war allein, die Sonne lachte, es war wieder sauheiß, aber das Ende war in Sicht. Ich zählte wieder mal die Zehnerkilometer rückwärts herunter, rauf die Altostraße über die Würm, vorbei an König Ludwig Straße, entlang der A95 auf der Olympiastraße, wo mich ein fetter, klischeeträchtiger Typ mit tollem Maurerdekolletée und stark getuntem Ebike mit mindestens 50 Sachen überholte, die Arme lässig über den Lenker nach vorne hängend, kurz hämisch grinsend und dachte, er hätte mich versägt.
Blöd für ihn, ich hatte wieder richtig Bums in den Beinen, dazu endlich Rückenwind und ich war gleichauf mit ihm. Überholen war leider doch nicht drin, aber der Blick von ihm, als er sich mal umdrehte und ich keine 10 Meter hinter ihm war, war es wert..
Danach waren es nur noch 12 Kilometer zum ziel durch München, welche ich absolut relaxt abspulte.
Um kurz nach 20 Uhr erreichte ich die Araltanke, fertig, glücklich, Karim und Roland und ein paar Andere waren auch schon da. Nach 10 Minuten trudelte auch John ein, was war das schön!
Ein viertel Bier und eine Leberkassemmel später
wollte ich dann nur noch heim, runter vom Rad und unter die Dusche!
Wir verabschiedeten uns, die Brevets waren erst einmal beendet bis zum Herbst und viele würde ich dann beim Herbstzweihunderter nicht mehr sehen.
Ich fuhr an der leeren, friedlichen Theresienwiese vorbei, wie immer mein persönlicher Abschluss eines Brevets (Foto hab ich, passt hier aber nicht mehr rein), erreichte mein Auto, fuhr heim und duschte erst einmal eine Viertelstunde.
Dann bestellte ich mit eine große Meeresfrüchtepizza mit extra Thunfisch, dazu einen herrlichen gemischten Salat und fiel um 23.00 Uhr satt und zufrieden ins Bett.
Fazit:
Es war mörderisch. Zumindest für mich. Was ich mitbekommen habe, war einer der schnelleren Fahrer bereits mittags um 12 Uhr wieder zurück in München! Unglaublich.
Aber: Wir hatten Zeit bis 24 Uhr und ich hatte noch immer 4 Stunden Puffer. Ich weiß, dass ich wieder zu lange bei den Kontrollen war, aber ich brauchte diese Pausen. Sicher wäre es auch kürzer gegangen, doch wie wäre dann der Verlauf gewesen. Hätte ich durchgehalten?
Die vielen gespräche mit den anderen Fahrern haben mir gezeigt, dass nicht nur ich beinahe an den Steigungen verzwifelt bin. Einige haben aufgehört, andere mussten sich auch mal ins Gras legen und den Puls runterkriegen. Also ging es nicht nur mir so und ich war heilfroh, dass selbst eine erfahrene Triatlethin teilweise zu kämpfen hatte.
Und mag ich auch zwischendrin noch so oft geflucht und geschimpft haben, so möchte ich diese Erfahrung doch nicht missen. Für mich definitiv eine meiner größten Grenzerfahrungen, umso glücklicher bin ich, sie unbeschadet gemeistert zu haben.
Meinen Knien geht es erstaunlicherweise sehr gut, ich habe keinerlei Schmerzmittel genommen und auch sonst keine Aufputschmittel wie Koffeintabletten oder so etwas.
Was ich merke, ist, dass ich etwas mehr Komfort in meine Geometrie bringen muss. Das Trek in dieser Konstellation ist gut für ~500 km, aber darüber wirds etwas kritisch. Die Überhöhung ist zu groß, der Lenker zu wenig gefedert, der
Sattel einen Ticken zu hart.
Auch die Technik wird verfeinert werden müssen.
Ich habe ja noch einen LRS mit Son Nady von Bo liegen, welchen ich umarbeiten werde.
Vielleicht suche ich mir einen anderen Rahmen, einen 61er, wo ich weniger Überhöhung fahren kann, gerne aber wieder einen Trek OCLV, denn was soll ich sagen: er ist so genial komfortabel, ich glaub es immer noch kaum.
Schaltungstechnisch werde ich weg von
SRAM gehen, ich bin nicht so überzeugt davon. Vielleicht habe ich aber auch kein Glück mit ihr.. Jetzt wird sie erst einmal beim profi feineingestellt, dann schau ich mal weiter.
Ausstattungstechnisch möchte ich mich auch verbessern. Andere Jackenkombination und weniger Zeug wie Brille, Ersatzkontaktlinsen, etc muss ich nochmal überdenken.
Aber. ich werde das Langstreckenfahren auf jeden Fall weiterverfolgen, denn angefixt bin ich jetzt!
Edit: Ach ja.
608 km, 26h 10 minuten reine Fahrtzeit, 6000 Hm. Bei anderen waren bis zu 8900 Hm drin.
https://www.strava.com/activities/1614564088